Einer der großen Klassiker des deutschen Stummfilms, der einzige Film, den die beiden Stummfilm-Stars Asta Nielsen und Greta Garbo zusammen gedreht haben: Die freudlose Gasse thematisiert die Inflationszeit der 20er Jahre und ist eines der durch die Zensur am meisten verstümmelten Werke der Filmgeschichte. Das Filmmuseum München hat den Film in jahrelanger Arbeit aufwendig rekonstruiert und restauriert. Die viragierte Filmkopie, die vollständiger ist als alle bisher bekannten Versionen des Films, wurde für die DVD-Ausgabe erstmals mit neuen, der Originalgraphik nachempfundenen, Zwischentiteln versehen und komplett überarbeitet. Außerdem enthält die einzigartige Doppel-DVD viel unveröffentlichtes Zusatzmaterial zum Film, angefangen von zahlreichen Produktionsfotos und den unveröffentlichten Drehbuchentwürfen bis hin zu einer Dokumentation über die Rekonstruktionsarbeiten und einem eindrucksvollen Dokumentarfilm über das Leben und Werk von Georg Wilhelm Pabst.
Die Filme
Die freudlose Gasse - Deutschland 1925 - Regie: Georg Wilhelm Pabst - Drehbuch: Willy Haas, nach dem Roman von Hugo Bettauer - Kamera: Guido Seeber - Darsteller: Asta Nielsen, Greta Garbo, Agnes Esterhazy, Werner Krauß, Karl Etlinger, Valeska Gert - Produktion: Sofar-Film-Produktion, Berlin - Premiere: 18.5.1925, Mozartsaal Berlin - Rekonstruktion: Filmmuseum München - Edition: Jan-Christopher Horak, Gerhard Ullmann, Klaus Volkmer
Der andere Blick - Österreich/USA 1991 (überarbeitete DVD-Fassung 2009) - Drehbuch und Regie: Hannah Heer, Werner Schmiedel - Kamera: Hannah Heer - Mit: Rudolf S. Joseph, Jan-Christopher Horak, Michael Pabst, Harold Nebenzal, Hilde Krahl, Micheline Presle Produktion: Thalia-Film GmbH, Wien / River Lights Pictures Inc., New York - Premiere: 25.9.1991, New York Film Festival
Pabst wieder sehen - Deutschland 1997 - Regie: Martin Koerber, Wolfgang Jacobsen, René Perraudin - Drehbuch: Martin Koerber, Wolfgang Jacobsen - Kamera: René Perraudin - Mit: Jan-Christopher Horak, Klaus Volkmer, Gerhard Ullmann, Nicola Mazzanti, Gian Luca Farinelli - Produktion: Eikon-Film, Berlin / ZDF/arte, Mainz - Premiere: 22.2.1997, Berlin Film Festival
Über Die freudlose Gasse
Die düstere Straße eines Wiener Elendsquartiers; die Schlange vor einem Fleischerladen. Blick in die Wohnung eines verarmten Hofrats. Im Hotel Carlton: das Milieu der Millionäre und Spekulanten. Gier nach Reichtum, Gier nach schnell stimulierter und ebenso schnell befriedigter sexueller Lust: die Perversionen des Geldes entstellen die Gesichter. "Die freudlose Gasse" ist ein Film der Ortsbesichtigungen, wechselnd zwischen materieller Not und protzendem Luxus, den Orgien der Schönen und Reichen - und der stoischen Passion der Erniedrigten und Beleidigten. Parallelmontagen verbinden und kontrastieren die extremen Oberflächen des Kapitalismus, verklammern den Widerspruch zur bildhaften Formel. Hausse und Baisse schlagen wie Blitze ins Leben der Menschen ein; der finanzielle und der moralische Ruin sind zwei Seiten einer Medaille. Frauen werden in dieser Welt wie Stückgut bewegt - eine Ware freilich, die unkalkulierbar bleibt wie die Aktie, die über Aufstieg und Absturz entscheidet.
Dem Schnitt aus dem Etablissement der Reichen ins Milieu des Hungers hat der Regisseur ein Schriftinsert vorangestellt: "Jetzt werden Sie das Nachtleben von Wien sehen!" Pabst ist in seinem dritten Film Genremaler und Ankläger in einer Person, Bänkelsänger seiner sozialkritischen Botschaft, der wie ein Schausteller belehrend auf seine Bildtafeln zeigt. Sein Stilmittel ist die krasse Gegenüberstellung: Oben und Unten, Arm und Reich - so versucht er, das Chaos der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg zu gliedern, und fügt dem "expressionistischen" Straßenfilm der Weimarer Republik, der noch ein blinder Spiegel unbegriffener Verhältnisse war, eine entscheidende realistische Dimension hinzu. Der Kritiker Willy Haas, ein herausragender Kenner der Filmsprache und ihrer Möglichkeiten, hat für Pabst das Drehbuch geschrieben, und Guido Seeber ist ein exzellenter Kameramann, ein Pionier der Kinematographie, der zwischen Filmtechnik und -ästhetik zu vermitteln versteht. Vor allem aber die große Besetzung - Werner Krauß, Asta Nielsen, Greta Garbo, Valeska Gert - verhalf dem Film zu seinem Erfolg beim Publikum und zu seinem Rang in der Filmgeschichte.
Werner Krauß: der Fleischer in der ehemals kleinbürgerlichen, inzwischen proletarisierten Melchiorgasse, ein Tyrann der Armen und Frauenheld von der groben Sorte, mit Schnauzbart und pomadisierter Locke in der niedrigen Stirn; Kundinnen, denen er nachstellt, gewährt er Kredit, wenn sie ihm gefügig sind. Greta Garbo als Grete Rumfort, Tochter des ins Elend gestürzten Hofrats, der von seinem altösterreichischen Standesdünkel nicht lassen kann - eine ebenso zarte wie selbstbewußte junge Frau, die umsichtig und tapfer den Untergang ihrer Familie abzuwenden sucht. Asta Nielsen als Maria Lechner: ein Mädchen, das aus Leichtsinn zur Prostituierten wurde, sich von reichen Galanen aushalten läßt und am Ende einen Mord aus Eifersucht begeht - in Mimik und Gestik eine Mischung aus willenloser Puppe und steinerner Tragödin des Subproletariats. Schließlich Valeska Gert: die Schneiderin, die zur Kupplerin geworden ist und die jungen Mädchen des Viertels in ihrem Salon hinter ihrer Werkstatt senilen Schürzenjägern aus den besseren Kreisen in die Arme treibt. Es sind die Frauengestalten in diesem Film, die - selbst wenn sie das gemeine Spiel mitspielen oder unter seine Räder gekommen sind - komplexer und in mancherlei Hinsicht humaner erscheinen als das Panorama männlicher Ausbeuter und Intriganten um sie herum.
Als dieser Film zwei Jahre ohne Unterbrechung im Pariser Kino "Les Ursulines" gezeigt wurde, rief einmal ein französischer Abgeordneter während einer Parlamentsdebatte aus, wer wissen wolle, was Inflation sei, solle sich "Die freudlose Gasse" ansehen. Und Pabst selbst sagte 1927 in einem Interview: "Warum soll man romantische Metaphern suchen? Das wahre Leben ist romantisch und gespensterhaft genug." Sein Film, angelegt als Metapher der sozialen und menschlichen Deformationen in den Inflationsjahren nach 1918, wurde zum gespenstischen Menetekel der Krise, die wenige Jahre später die erste deutsche Republik in den Abgrund treiben wird. Hier wie dort: Glücksspieler, Betrüger und Spekulanten, die sich gerade am wirtschaftlichen Zusammenbruch bereichern, aus dem Verfall der Werte Profit zu machen wissen. Zum Umschlagsplatz der Wünsche und raffgieriger Wunschbefriedigung ist das Bordell geworden, der von Pabst bevorzugte Handlungsort hier wie auch in späteren Filmen: der authentische Topos der Käuflichkeit, die auf den oberen wie den unteren Rängen das Wesensmerkmal dieser Gesellschaft ist. "Die Sexualität und ihr Stellenwert im zeitgenössischen sozialen Kontext ist das Hauptthema Pabsts und des ganzen deutschen Films der Weimarer Republik. Beeinflußt von den Zeichnungen von George Grosz wühlt Pabst in den Gesichtern, reißt seinen Figuren die Masken herunter, enthüllt uns ihre obskursten Gelüste", schrieb Ado Kyrou 1966 in "Amour-Erotisme & Cinéma".
Klaus Kreimeier
DVD-Features (Doppel-DVD)
DVD 1
- Die freudlose Gasse 1925, 151'
- Musikbegleitung für Trio von Aljoscha Zimmermann
- Kapitelwahl
- Booklet mit Essays von Klaus Volkmer, Werner Sudendorf und Stefan Drössler
DVD 2
- Der andere Blick 1991/2009, 111'
- Pabst wieder sehen 1997, 21'
- Outtakes und Intakes 1925, 14'
- Tonaufnahme mit Erinnerungen des Regieassistenten Mark Sorkin 49'
- ROM-Bereich mit Drehbuchentwürfen und Dokumenten zum Film
Herausgeber: Filmmuseum München, in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut München und der Deutschen Kinemathek Berlin
DVD-Authoring: Ralph Schermbach
DVD-Supervision: Stefan Drössler
1. Auflage Oktober 2009, 2. Auflage Dezember 2009, 3. Auflage August 2010
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